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Dyneema SK78 vs Dyneema SK99: Ein technischer Vergleich für Segeltauwerk

19. Januar 2026 durch
Dyneema SK78 vs Dyneema SK99: Ein technischer Vergleich für Segeltauwerk
Upffront.com

Für viele Eigner von Segelyachten lautet die Frage nicht mehr, ob Dyneema® verwendet werden soll, sondern welche Qualität die richtige ist. In modernen Segelanwendungen dominieren insbesondere Dyneema SK78 und Dyneema SK99 die Diskussion – vor allem bei Fallen und anderem lastkritischen laufenden Gut.


Auf den ersten Blick wirkt Dyneema SK99 wie das offensichtliche Upgrade: stärker, steifer und mit Potenzial für weitere Durchmesserreduzierung. In der Praxis ist die Wahl zwischen SK78 und SK99 jedoch differenzierter. Kriechverhalten, Durchmesserwahl, Hardware-Kompatibilität und Langzeitstabilität sind oft wichtiger als reine Bruchlastwerte.


Dieser Artikel bietet einen technischen Vergleich von Dyneema SK78 und SK99, erklärt typische Spezifikationsfallen und gibt klare Orientierung, wann Dyneema SK99 echte Vorteile bringt – und wann nicht.


Ein häufiges Spezifikationsproblem: „Dyneema®“ ohne SK-Grad


Bevor SK78 und SK99 direkt verglichen werden, ist es wichtig zu klären, wie Dyneema® häufig spezifiziert wird.


Wenn eine Tauwerkbeschreibung lediglich „Dyneema®“ nennt, ohne einen Fasergrad anzugeben, weist das fast immer auf Dyneema SK75 hin. SK75 ist weiterhin weit verbreitet und kosteneffizient, besitzt jedoch eine deutlich schlechtere Kriechbeständigkeit als SK78 oder SK99.


Für Anwendungen, bei denen langfristige Maßhaltigkeit zählt – insbesondere bei Fallen, die dauerhaft unter Spannung stehen – sollte das Fehlen eines angegebenen SK-Grads als aussagekräftige Information und nicht als harmlose Auslassung betrachtet werden. Wenn Kriechverhalten relevant ist, sollte der Grad immer ausdrücklich genannt werden.


Abbildung 1 (Kriechverhalten über die Zeit) liefert eine klare visuelle Referenz dafür, warum dieser Unterschied in der Praxis entscheidend ist (Quelle DSM Dyneema®).


Abbildung 2: Kriechvergleich zwischen Dyneema SK75 und SK78, bei 25°C und einer durchschnittlichen statischen Last von etwa 25% der Bruchfestigkeit. Das Diagramm zeigt, dass Dyneema SK78 eine Kriechrate hat, die etwa 3-mal langsamer ist als bei SK75. (Quelle Gottifredi Maffioli


Grundlegende Materialunterschiede: Dyneema SK78 vs Dyneema SK99


Auf Faserebene lassen sich die wichtigsten Unterschiede zwischen Dyneema SK78 und Dyneema SK99 wie folgt zusammenfassen:

  • SK99 bietet eine höhere Zugfestigkeit als SK78
  • SK99 hat einen höheren E-Modul, was zu geringerer elastischer Dehnung führt
  • SK99 ermöglicht kleinere Durchmesser bei gleicher Bruchlast
  • SK99 bietet eine verbesserte Kriechbeständigkeit, aber kein kriechfreies Verhalten

SK78 ist dagegen darauf ausgelegt, Folgendes auszubalancieren:

  • Festigkeit und Kriechbeständigkeit
  • Vorhersehbares Langzeitverhalten
  • Größere Toleranz gegenüber realer Segel-Hardware

Diese Unterschiede lassen sich am besten visuell verstehen. Abbildung 2 (Spannungs-Dehnungs-Vergleich) zeigt den höheren Modul von Dyneema SK99 und erklärt, warum es sich unter Last deutlich steifer anfühlt.


Kriechverhalten: Was die Daten zeigen


Kriechen wird häufig als Grund genannt, von Dyneema SK78 auf Dyneema SK99 „upzugraden“, aber die Verbesserung wird oft missverstanden.


Sowohl SK78 als auch SK99 wurden entwickelt, um die Kriechlimitierungen von Dyneema SK75 zu adressieren. SK99 zeigt unter Dauerlast zwar eine geringere langfristige Längenänderung als SK78, die Verbesserung ist jedoch inkrementell und nicht transformativ.

Wie in Abbildung 3 (Courtesy of Gottifredi Maffioli) gezeigt, nimmt das Kriechen mit verbesserter Fasertechnologie ab, wird aber nicht eliminiert. Unter Dauerlast zeigen sowohl Dyneema SK78 als auch SK99 über die Zeit eine bleibende Längenänderung, insbesondere wenn der prozentuale Arbeitslastanteil steigt.


Abbildung 4 (Courtesy of Gottifredi Maffioli) Vergleich der viskoelastischen Eigenschaften von Dyneema SK99 und SK78. Proben gleichen Durchmessers wurden 1 h lang mit 50% ihrer Bruchfestigkeit belastet und nach 1 h Ruhe erneut getestet. DSK99 zeigt eine geringere viskoelastische Dehnung.


Diese Unterscheidung ist wichtig, weil die Kriechleistung stark davon abhängt, wie das Tauwerk spezifiziert und eingesetzt wird – nicht nur vom Fasergrad.


Durchmesserreduzierung: Vorteil oder Falle?


Der Hauptreiz von Dyneema SK99 in Segelanwendungen ist die Möglichkeit, den Durchmesser zu reduzieren.


Ein Fall mit kleinerem Durchmesser:

  • Reduziert Gewicht im Rigg
  • Läuft effizienter über Scheiben
  • Kann die Haltekraft in Klemmen bei hohen Lasten verbessern

Allerdings erhöht eine Durchmesserreduzierung den prozentualen Anteil der Bruchlast, der im Betrieb getragen wird – was das Kriechen in allen UHMWPE-Fasern beschleunigt.


Aus diesem Grund spezifizieren viele erfahrene Rigger Dyneema SK99 im gleichen Durchmesser wie Dyneema SK78 und nutzen die zusätzliche Festigkeitsreserve, um:

  • Den prozentualen Arbeitslastanteil zu reduzieren
  • Die langfristige Maßhaltigkeit zu verbessern
  • Die Lebensdauer zu verlängern

Dieser Ansatz bringt messbare Vorteile. Reines Downsizing tut das nicht.


dyneema sk99

Dyneema SK99 Tauwerk


Arbeitslastanteil und Langzeitstabilität


Das Kriechverhalten von UHMWPE-Fasern wird in erster Linie durch Dauerlast als Prozentsatz der Bruchfestigkeit bestimmt – und nicht allein durch den Fasergrad. Diese Unterscheidung ist entscheidend, um zu verstehen, warum manche Dyneema®-Leinen über viele Jahre maßhaltig bleiben, während andere eine spürbare langfristige Längenänderung zeigen.


Technische Empfehlungen für Dyneema® zeigen, dass bei nicht kritischen Anwendungen Arbeitslasten im Bereich von 11% bis 20% der veröffentlichten Bruchlast in der Regel zu sehr geringem, vorhersehbarem Kriechen führen. In diesem Bereich kann die langfristige Dehnung konstruktiv berücksichtigt werden und ist in der praktischen Segelnutzung häufig vernachlässigbar.


Mit steigender Dauerlast beschleunigt sich das Kriechen sehr schnell. Wenn UHMWPE-Fasern über längere Zeit Lasten nahe 30% der Bruchlast ausgesetzt sind, wird Kriechen erheblich und kann letztlich die Lebensdauer begrenzen. In Segelsystemen entsteht diese Situation am häufigsten, wenn Tauwerk aggressiv im Durchmesser reduziert wird, um minimalen Durchmesser zu erzielen – wodurch unbeabsichtigt die Arbeitslast im Betrieb steigt.


Bei angemessenen Arbeitslasten zeigen Fasern wie Dyneema SK78 ein stabiles, vorhersehbares Verhalten und eignen sich für den langfristigen Einsatz im laufenden Gut. Höhermodulige Fasern wie SK99 können Steifigkeit erhöhen und den Durchmesser reduzieren – aber nur, wenn die Durchmesserreduzierung konservativ angegangen wird. Dyneema SK99 ausschließlich zum Downsizing zu verwenden, macht seinen Kriechvorteil oft zunichte.


Auch die Temperatur beeinflusst das Kriechverhalten. Erhöhte Temperaturen – einschließlich lokaler Erwärmung durch Klemmen und Scheiben – beschleunigen das Kriechen, während niedrigere Temperaturen es reduzieren. Das unterstreicht, wie wichtig es ist, Faserwahl, Durchmesser, Mantelkonstruktion und Decksbeschläge als Gesamtsystem aufeinander abzustimmen.


In Segelanwendungen wird Langzeitstabilität nicht dadurch erreicht, dass man die höchstmodulige Faser „jagt“, sondern durch Kontrolle der Dauerlast, Wärmemanagement und realistische Durchmesser. Diese Faktoren sind wichtiger als der Fasergrad allein.


Handling, Ermüdung und Interaktion mit der Hardware


Der höhere Modul von SK99 macht es steifer und weniger verzeihend als SK78.


In Segelsystemen kann das zu Folgendem führen:

  • Geringerer Halt in einigen Tauwerkklemmen
  • Größere Empfindlichkeit gegenüber engen Biegeradien
  • Höhere Bedeutung der Mantelkonstruktion und Materialwahl

dyneema sk78

Dyneema SK78 Tauwerk


Wann Dyneema SK99 sinnvoll ist


Dyneema SK99 eignet sich gut für Segelanwendungen, bei denen:

  • Lasten im Verhältnis zum verfügbaren Durchmesser hoch sind
  • Gewicht im Rigg eine zentrale Rolle spielt
  • Decksbeschläge für hochmodulige Leinen optimiert sind
  • Präzise Riggeinstellung entscheidend ist

Typische Beispiele sind:

  • Performance-Fallen auf regattaorientierten Yachten
  • Hoch belastete laufende Achterstage
  • Optimierte Performance-Cruising-Riggs

In diesen Fällen kann SK99 sinnvolle Vorteile liefern – vorausgesetzt, es wird konservativ spezifiziert und mit passenden Mänteln und geeigneter Hardware kombiniert.


Wann Dyneema SK99 NICHT verwendet werden sollte


SK99 ist oft eine schlechte Wahl, wenn:

  • Das Hauptziel eine Kostenreduzierung ist
  • Die Hardware grenzwertig ist oder nicht für steife Fasern ausgelegt wurde
  • Der Durchmesser aggressiv reduziert wird, um Gewichtsvorteile zu erzielen
  • Die Anwendung stark dynamisch statt lastkritisch ist

Für viele Fahrtenyachten bietet Dyneema SK78 ein besseres Gleichgewicht aus:

  • Vorhersehbarem Kriechverhalten
  • Angenehmem Handling
  • Hardware-Kompatibilität
  • Kosteneffizienz

In diesen Anwendungen kann SK99 die Komplexität erhöhen, ohne spürbare Vorteile in der Praxis zu liefern.


Abschließende Empfehlung für Segler


Dyneema SK99 ist nicht in jedem Fall „besseres Dyneema®“. Es ist eine höhermodulige, hochfeste Faser, die sorgfältige Spezifikation belohnt und Abkürzungen bestraft.


Für die meisten Fahrtenyachten:

Dyneema SK78 bleibt die ausgewogenste Wahl für Fallen und laufendes Gut


Für performance-orientierte Systeme:

Dyneema SK99 kann echte Vorteile liefern, sofern die Durchmesserreduzierung konservativ angegangen wird


Und wann immer eine Spezifikation lediglich „Dyneema®“ nennt, ohne einen SK-Grad zu identifizieren, sollte davon ausgegangen werden, dass SK75 verwendet wird – mit allen damit verbundenen Kriech-Implikationen.


Die in diesem Artikel genannten Abbildungen verdeutlichen ein durchgängiges Thema: Langfristige Performance wird nicht allein durch die Faserwahl definiert, sondern dadurch, wie Festigkeit, Durchmesser und Dauerlast in realen Segelsystemen zusammenwirken.

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